Dienstag 11. Dezember 2018

Predigt zum Konzilsdokument „Nostra Aetate“ von Dr. Stefan Schlager

© Johannes Hagn

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

 

Wir erleben gegenwärtig in unserem Land und auf unserem Kontinent „Weltgeschichte“. Und das hautnah, mitten drin, höchst dynamisch, verwirrend sowie – im wahrsten Sinn – atemberaubend. Was hier und heute passiert, wird mit Sicherheit auch für die Generationen nach uns im Gedächtnis bleiben.

Es ist anzunehmen, dass sich die Kinder unserer Kinder und deren Nachfahren einmal in ihrem Geschichtsunterricht mit der großen (syrischen) Fluchtbewegung in das Zentrum Europas beschäftigen werden.  Mein Wunsch wäre, dass sie später dann stolz sagen können: Das haben die Menschen damals – unsere Eltern, Großeltern, Urgroßeltern –  gut gemacht. Das haben sie gut gemacht, weil sie nicht im Gefühl der Überforderung und des Pauschalverdachts steckengeblieben sind. Vielmehr haben sie versucht – trotz diffuser Ängste und inmitten von Terroranschlägen – fair, klug, sachlich, großmütig, mit Weitblick und Herz dieser besonderen Herausforderung zu begegnen. Es wird sich für diese Kinder wohl auch einmal mit Blick auf unsere Zeit erschließen, dass bestimmte Ängste in der Mitte der 10-er Jahre unbegründet waren und dass sich manches mit Blick auf die Flüchtlinge bzw. Integration von Muslimen und Musliminnen ganz anders entwickelt hat als befürchtet. Damit die nachfolgenden Generationen wirklich einmal einen solch positiven Blick auf unsere Zeit werfen können, dafür gilt es allerdings jetzt die Weichen zu stellen.

 

Vielfältige Gesellschaft

 

Denn wir dürfen nicht übersehen: Das Flüchtlingsthema vergrößert wie eine Lupe nur das, was in unserer Gesellschaft, in unserem Zusammenleben längst schon der Fall ist. Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, mit verschiedenen Kulturen und Religionen leben Tür an Tür. Sie begegnen sich mitten im Alltag, sei es in unseren Kindergärten, in den Schulen, im Krankenhaus, in der Freizeit oder am Arbeitsplatz. Nicht immer gelingt dieses Zusammentreffen und Zusammenleben. Dafür mag es unterschiedli­che Gründe geben. Eine bedeutende Rolle spielt bei all dem jedoch die Einstellung bzw. unter wel­chem „Vorzeichen“ die Wahrnehmung des jeweils anderen steht. Dominieren hier von vornherein Ab­lehnung und negative Vorurteile, einseitige Verzerrungen und Generalverdacht, zeigt sich das auch im konkreten Umgang ganz deutlich: sowohl auf der persönlichen, wie auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene.

 

Wesentlich: der Blick auf das Gemeinsame

 

Vielleicht kann bezüglich Umgang mit Andersdenkenden und Andersgläubigen ein Blick auf die Kirche helfen – denn jahrhundertelang hat sich die Kirche selbst schwer getan mit Menschen aus anderen Religionen! Dies deshalb, weil für sie vor allem das Trennende im Vordergrund war, die Unterschiede. So sah sich die Kirche gerne auf dem hohen Thron der Wahrheit – und blickte von hieraus allzu oft verächtlich, skeptisch und auch arrogant auf andere religiöse Traditionen und ihre Gläubigen herab. Es fand auf dieser Basis keine Begegnung zwischen Menschen auf Augenhöhe statt. [Für Jahrhunderte galt dementsprechend der folgenreiche Satz des Cyprian von Karthago „Außerhalb der Kirche kein Heil“.] Durch die Veränderungen in der Welt – und durch den kritischen Blick auf die eigene Geschichte – sah sich die Kirche aber herausgefordert, ihr Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen neu zu überdenken und neu zu formulieren. Das geschah auf eine bis dahin ungeahnte Art und Weise auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Hier wurde am 28. Oktober 1965 als eines der letzten Dokumente „Nostra Aetate“ verabschiedet: „Die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“. [In diesem Dokument beschäftigen sich die Konzilsväter mit den hinduistischen und buddhistischen Religionen (2. Kapitel), mit dem Islam (3. Kapitel) sowie dem Judentum (4. Kapitel).] Gleich im ersten Kapitel dieser Erklärung ist der neue und veränderte Zugang zu den anderen Religionen bzw. den Andersglaubenden zu finden. Die Konzilsväter ermutigen nämlich die Katholikinnen und Katholiken, das in den Blick zu nehmen, „was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt“ (Kapitel 1). Dieser Blick auf das Verbindende aber setzt Begegnung, Aufeinanderzugehen sowie Interesse füreinander voraus. Nur auf dieser Basis vermag man einander überhaupt erst kennen- und schätzen zu lernen: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist.“ (Kapi­tel 2)

 

Christentum  - unvereinbar mit Diskriminierung

 

Somit gehören – entsprechend der Lehre der Kirche – Vertrauen, Respekt und Hochachtung vor ande­ren Religionen und ihren Gläubigen zum Katholisch-Sein untrennbar dazu. Fremdenfeindlichkeit, Diskreditierung, Aus­grenzung anderer Religionen, Angstmache oder Hochnäsigkeit – all das ist mit katholischer Identität nicht vereinbar. Unmissverständlich heißt es im fünften Kapitel: „Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder je­den Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht.“ Mit Blick auf die heutigen Herausforderungen ist es spannend zu sehen, dass sich die Konzilsväter gerade in dem Kapitel, wo es um den Islam geht, dafür aussprechen, „sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittli­chen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen“ (Kapitel 3).

 

Ein bemerkenswertes Prinzip

 

Obwohl das Dokument „Nostra Aetate“ bereits 50 Jahre alt ist, hat es an Aktualität nichts eingebüßt. Der Geist und die Haltung dieser Erklärung, all das, was sich an Wohlwollen und Respekt darin wiederspiegelt, setzt Maßstäbe – auch für unsere Zeit und insbesondere für den Umgang mit Muslimen bzw. mit Flüchtlingen und Asylwerbern aus muslimischen geprägten Ländern. Denn das Zweite Vatikanische Konzil ermutigt, Vertrauen zu riskieren, wo andere Misstrauen säen, es fordert heraus, eigene Vorurteile zu hinterfragen und sich ein authentisches und faires Bild zu machen und es setzt auf Kooperation anstelle von Zwietracht. Das alles hat nichts mit Naivität oder Blauäugigkeit zu tun, sondern mit Fairness und dem Prinzip der „Goldenen Regel“: Was ich von anderen erwarte, dass soll ich ihnen auch tun. Wenn ich beispielsweise von Muslimen ein faires, zutreffendes, differenziertes Bild des Christentums oder der Katholischen Kirche erwarte, dann müssen wir uns genau in diesem Sinn bemühen, ebenfalls zu einem fairen, zutreffenden und differenzierten Bild des Islam zu kommen. Das aber gelingt nur, wenn man im Gespräch bleibt, Kontakt sucht, sich intensiv und kompetent mit der jeweils anderen Religion oder Kultur beschäftigt – neben dem Islam sind das etwa die  hinduistischen und buddhistischen Traditionen, die Religionen Chinas und Japans, die Naturreligionen und insbesondere unsere „Schwestern-Religion“, das Judentum. Aus diesem Grund ermutigen die Konzilsväter, „die gegenseitige Kenntnis und Achtung (zu) fördern“ (Kapitel 4): durch das geschwisterliche Gespräch und entsprechende theologische Studien. Je mehr man voneinander weiß, umso weniger haben zudem Zerrbilder und Vorurteile eine Chance. Je besser man sich gegenseitig kennt, umso blasser und platter, einseitiger und dünner erscheinen jene oft so laut dahingesagten Behauptungen über „die Anderen“, „die Ausländer“, „die Muslime“ oder „die Flüchtlinge“. Ja, mehr noch, man wird entdecken, dass es gerade bei „den Anderen“ viele Ansatzpunkte für eine echte Zusammenarbeit gibt – eine Zusammenarbeit, die dem Aufbau einer gerechten Gesellschaft dient, der Achtung voreinander und einer friedlichen Konfliktlösung.

 

Wie Papst Franziskus

 

Es gibt ein berührendes Foto von Papst Franziskus während seiner Israel-Reise im Mai 2014. Auf diese Reise hat der Papst zwei besondere Freunde mitgenommen, nämlich den argentinischen Rabbiner Abraham Skorka und den Imam Omar Abbud, früherer Generalsekretär des Islamischen Kulturzentrums in Buenos Aires. Das Foto zeigt, wie sich diese drei Männer wie Geschwister vor der Klagemauer umarmen und sich dabei ihre Blicke auf Augenhöhe begegnen. In dieser Geste steckt für mich die schöne Ermutigung, dieser Haltung der Freundschaft auf Augenhöhe das eigene Gesicht zu geben, gerade an Orten, wo das nicht selbstverständlich ist. Es wird sich lohnen – ganz gewiss.

 

Amen.

 

Dr. Stefan Schlager leitet die Theologische Erwachsenenbildung der Diözese Linz und ist Lehrbeauftragter für Ethik an der Fachhochschule OÖ/Campus Linz sowie Buchautor (u. a. Die Weltreligionen, Ein Crash-Kurs, topos-plus, Kevelaer 2012)

 

Predigtvorlage zum Download

http://lebenszeichen.dioezese-linz.at/
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