Freitag 21. September 2018
Pfingsten und der Turmbau zu Babel

Predigt für den Pfingstsonntag von Superintendent Dr. Gerold Lehner

© Schrauff

Liebe Schwestern und Brüder!

 

In der großen Perspektive der Heilsgeschichte, jener Geschichte, in der Gott den Menschen sucht und findet, gibt es eine Korrespondenz, eine Beziehung zwischen der Geschichte von Pfingsten und der jener vom Turmbau zu Babel.

 

In der Geschichte vom Turmbau wird uns erzählt, wie die Angst und Unsicherheit der Menschen sie dazu führt, ein übermenschliches Projekt in Angriff zu nehmen: einen Turm, der bis an den Himmel reicht. Einen Turm zur Demonstration der Macht und der unbegrenzten menschlichen Möglichkeiten.

Aber diese Absicht kann nicht verwirklicht werden, denn Gott macht ihre Ausführung unmöglich, indem es zur „babylonischen Sprachverwirrung“ kommt: keiner versteht mehr den anderen, und so geht man auseinander.

 

Dieses Gottesgericht hat weniger damit zu tun, dass die Menschen auf diese Art und Weise Gott zu nahe gekommen und ihm gefährlich geworden wären. Es hat mehr damit zu tun, den Menschen vor sich selbst und seiner Maßlosigkeit zu bewahren.

Der Hybris, der Überhebung des Menschengeistes sollte gewehrt werden. Denn diese übermenschliche Demonstration der Macht ist aus der Angst geboren, aus der Unsicherheit, die ein Zeichen braucht, um sich selbst daran aufzurichten.

Weil die Menschen sich klein fühlen müssen sie etwas Großes bauen. Solche Gefühle sind gefährlich, denn sie führen nur allzu oft dazu, dass man sie kompensiert, indem man auf andere losgeht, sie herabsetzt, um sich selbst aufzuwerten.

Aus dem Geist der Angst und Unsicherheit, dessen Folge das Streben nach unbegrenzter Macht ist (um die eigene Schwäche zu überspielen), folgt die Zerstreuung. Folgt, dass man einander nicht mehr versteht und wohl  auch nicht mehr verstehen will.

II

 

Pfingsten erzählt die Geschichte von einem anderen Geist. Es ist der Geist Jesu, der hier über die Jüngerinnen und Jünger Jesu kommt.

Es ist der Geist des Gottessohnes, der keine Angst kannte, sondern der so sehr liebte, dass er imstande war, sich selbst loszulassen. Es ist der Geist dessen (wie es Paulus in Phil.2,5ff besingt), der sich selbst und seine Herrlichkeit nicht wie einen Besitz festhält, sondern sich dessen ent-ledigt, ent-äußert, und Mensch wird.

Dieser Geist Jesu ist das genaue Gegenteil des „babylonischen Geistes“

Dieser muss alles festhalten, aus Angst sonst nichts mehr zu sein.

Jener kann alles und sich selbst loslassen, weil er liebt.

Dieser baut auf Macht und Lärm und Unterwerfung.

Jener wirkt in der Machtlosigkeit, der Stille und in Freiheit.

 

Und weil nun die Stunde dieses Gottesgeistes gekommen ist, ist auch die Stunde gekommen, die Gräben zwischen den Menschen zu überwinden.

Und das geschieht zeichenhaft am Pfingsttag, indem die Menschen die Apostel in ihren eigenen Sprachen reden hören. Ganz egal wo sie herkommen und welche fremde Sprache sie auch sprechen,- jetzt verstehen sie alle, was gesagt wird.

 

Dieses Pfingstwunder ist als Zeichen das Wunder dieses Tages geblieben. Aber jener Geist, der die Jüngerinnen und Jünger Jesu in Bewegung setzt, dass sie Grenzen überwinden, dass sie zu den Menschen „über-setzen“, jener Geist bleibt und wirkt.

 

III

 

Und immer wieder einmal sind wir im Kleinen und im Großen Zeugen dessen, wie der Geist Gottes Menschen in Bewegung setzt und dazu beiträgt, dass Grenzen überwunden werden.

 

Ein Beispiel dafür ist für mich die Ökumene.

Lassen sie es mich in einem Bild ausdrücken:

Was auch immer die Ursachen dafür waren (ich lasse sie an dieser Stelle einmal beiseite), die eine Kirche Jesu Christi ist in verschiedene Kirchen zersplittert, und jede Kirche hat von sich behauptet die einzige und wahre zu sein.

Um diesen Anspruch zu verteidigen hat man sich auch räumlich getrennt. Die einen bewohnten die eine Seite des Tales, die anderen die andere, und in der Mitte war der Fluss die natürliche Grenze.

Weil man ohnehin miteinander nichts zu tun haben wollte, gab es auch keine Brücke von hüben nach drüben. Wozu auch? Denen da drüben konnte man ja sowieso nicht trauen, das waren Ketzer.

Und,- Gott sei es geklagt!- man fühlte sich über Jahrhunderte hindurch wohl mit dieser Konstruktion.

 

Aber immer wieder gab es auf beiden Seiten Menschen, die der Geist Gottes antrieb, diesen trennenden Fluss zu überqueren, die am anderen Ufer anlegten, zu den anderen „über-setzten“. Und die dann zurückkamen und berichteten, dass die anderen, bei allen Unterschieden, doch auch an Gott glaubten und an Christus und den heiligen Geist.

Und so begann ein zuerst zaghafter, doch dann immer lebhafterer Verkehr auf dem Fluss zwischen diesen beiden Ufern. Und weil immer mehr an „Über-setzungsarbeit“ geleistet wurde, wurden die alten Vorurteile kleiner und es entstand: der Schmerz über die Trennung, und die Sehnsucht nach Vereinigung.

 

Und dann nahm man es in Angriff, zwischen den Ufern Brücken zu bauen und so ein Ende der Trennung, ein Ende der Gegnerschaft zu besiegeln.

Das zweite Vatikanische Konzil war ein solcher großartiger Brückenschlag, an den wir in diesen Jahren immer wieder denken.

 

Nicht mehr der Geist der Angst und Unsicherheit und der Konkurrenz herrschte mehr, sondern der Geist der Liebe und der Achtung und des Respekts begann zu wachsen unter uns.

 

Und man nannte einander: Brüder und Schwestern. Durch die Taufe geboren aus demselben Heiligen Geist. Kinder des einen Vaters im Himmel. Jüngerinnen und Jünger des einen Herrn der Kirche.

 

IV

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Brücken haben sich als stabil erwiesen und sie haben uns unschätzbare Dienste erwiesen. Aber noch sind es getrennte Städte, in denen wir leben.

 

Noch feiern wir das Abendmahl, die Eucharistie getrennt.

 

Noch meinen die einen, bei den anderen Defizite wahrnehmen zu können, die eine volle Anerkennung verhindern.

 

Und es gibt jene, die meinen: genug von den Gemeinsamkeiten geredet. Wir sollten klar herausstellen, dass es bei uns Dinge gibt, die da drüben bei den anderen nicht zu finden sind.

 

Und natürlich gibt es auch diejenigen, die sich über die Zunahme des Verkehrs über die Brücken beschweren. Die der Meinung sind, es war besser, als wir noch unter uns waren.

 

Aber fürchten tue ich nur eines: dass die Sehnsucht erlischt.

Dass jene Sehnsucht nach der Einheit erlischt, die unsere Mütter und Väter in Bewegung gesetzt hat, aufeinander zu, zueinander hin.

Dass jene Sehnsucht erlischt, die mehr sucht als nur die achselzuckende Toleranz der Gleichgültigkeit.

Dass jene Sehnsucht erlischt, der es um die Heilung der Wunden und das eine Zeugnis der Kirchen geht.

 

Oder um es anders zu sagen:

Wovor ich Angst habe ist, dass wir uns dem Geist verschließen, der uns in Bewegung setzen will.

Dass wir uns dem Geist verschließen, der durch uns und mit uns zu den Menschen „über-setzen“ will.

Der durch uns und mit uns die Menschen von ihrer Angst befreien will.

Von der Angst, nichts zu gelten.

Von der Angst, zu kurz zu kommen.

Von der Angst, übersehen zu werden.

 

Denn der Geist Gottes, der Heilige Geist,

er ist die Wirklichkeit dessen,

dass Gott uns sucht,

dass er uns finden will,

weil er uns sieht, uns liebt, an uns leidet,-

und uns befreien will:

vom „Haben müssen“ zum „Sein können“,

vom Mauern bauen zum Brücken schlagen,

vom Behalten zum Geben

hin zu dem großen Reigen des Lebens, in dem keiner Mangel leidet, weil keiner sich und das Seine zurückhält, wo jeder bekommt, weil jeder gibt.

 

Deshalb rufen wir voll Sehnsucht:

Veni, creator spiritus! Komm Schöpfer Geist!

Amen.

 

Die Predigtvorlage zum Download.

http://lebenszeichen.dioezese-linz.at/
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