Sunday 29. March 2020
Tag des Judentums

Entstehung und Wirkung der Konzilserklärung "Nostra Aetate"

Prof. Dr. h.c. Hans Hermann Henrix (Aachen) beleuchtete in seinem Vortrag zum Tag des Judentums am 17. Jänner 2013 an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz die Frage, wie die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ entstand und welche bedeutende Wirkungsgeschichte sie hat. Im Mittelpunkt von „Nostra Aetate“ steht die Frage nach dem Verhältnis der Kirche zum Judentum bzw. zum jüdischen Volk. Das Thema des Vortrags lautete: „‚Die eigentliche Quelle ist das Herz Johannes‘ XXIII.’ – Entstehung und Wirkung der Konzilserklärung ‚Nostra Aetate’“.

 

Die Weite des Herzens von Johannes XXIII.

 

Papst Johannes XXIII. ist es zu verdanken, dass das Konzil das Thema Judentum behandelte. Als Apostolischer Gesandter in Istanbul (1935 – 1944) war er an der Rettung zahlreicher jüdischer Flüchtlinge vor der Vernichtung beteiligt gewesen. Als Papst strich er aus der Karfreitagsfürbitte „für die ungläubigen Juden“ das Wort „ungläubig“ und sprach 1960 zu einer Gruppe amerikanischer Juden die bekannten Worte: „Ich bin Josef, euer Bruder“ (Gen 45,4). Johannes Oesterreicher, der Konzilsberater für Fragen des Judentums, meinte: „Die eigentliche Quelle für den Entschluss, dem Konzil den Erlass einer Erklärung über das Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk nahezulegen, ist … das Herz Johannes‘ XXIII., im besonderen seine Einfühlung in das jüdische Leiden.“ – Prof. Henrix zur Bedeutung von Johannes XXIII.: „Die Weite des Herzens, der daraus erwachsende Einsatz in Tat und Solidarität und die spontane Geste der Zuwendung haben in der Gestalt von Papst Johannes XXIII. die Firnis von Vorurteil, Unfreundlichkeit, ja Feindseligkeit im Verhältnis der katholischen Kirche zum jüdischen Volk und Judentum aufgebrochen. Das war notwendig, damit in diesem Verhältnis auf katholischer Seite eine kirchliche und theologische Neubesinnung einsetzen konnte.“

 

Ein Anstoß von außen und seine Weiterverfolgung

 

Der französische-jüdische Historiker Jules Isaac (1877-1963), der Frau und Kinder in Auschwitz verloren hatte, hatte sich die Lebensaufgabe gestellt, die christliche Judenfeindschaft zu überwinden. 1960 überreichte er Johannes XXIII. eine Denkschrift. Eine Arbeitsgruppe entwarf daraufhin ein Konzilsdekret „Über die Juden“. Dessen weitere Textgeschichte verlief dramatisch. Es gab Interventionen arabischer Staaten aufgrund des Nahostkonflikts, Kritik am „Schweigen“ von Papst Pius XII. in den Jahren der Schoa und einen Wechsel im Pontifikat. Paul VI. bekundete jedoch seinen Willen zur Beibehaltung des Themas der Beziehung zum Judentum, nicht zuletzt durch eine Pilgerfahrt ins Heilige Land. In die Konzilserklärung wurden Islam, Buddhismus, Hinduismus und weitere Religionen einbezogen, und sie wurde als „Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ am 28. Oktober 1965 angenommen.

 

Der Text von „Nostra Aetate“ und seine Wirkung

 

„Der Text ‚Nostra Aetate’ ist“, so Prof. Henrix, „in der Geschichte der Kirche, ihrer Konzilien und ihrer Theologie ein einmaliges Novum. Er stellt mit seinem Artikel 4 einen fundamentalen Wendepunkt in der Beziehung und Haltung der Kirche zum jüdischen Volk und Judentum dar. (…) Der Einleitungssatz zum vierten Artikel (…) hält der langen Tradition der Judenfeindschaft die Position entgegen, dass das Judentum bereits bei der kirchlichen Selbstvergewisserung begegnet: ‚Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist.’“

Jüdische Stimmen äußerten ihre Freude über das Konzil und sein Dokument. In der Katholischen Kirche selbst gab und gibt es beträchtliche Anstrengungen, „Nostra Aetate“ zur bleibenden Wirkung zu verhelfen. Johannes Paul II. betonte, dass der mit Mose geschlossene Alte Bund von Gott nie gekündigt wurde und die Menschwerdung des Sohnes Gottes ihren spezifischen Ort in der Geschichte Israels hat. Er besuchte 1986 die römische Synagoge und 2000 Israel und Jerusalem und drückte damit Respekt und Wertschätzung gegenüber dem jüdischen Volk aus. Im Pontifikat Benedikts XVI. sorgten zunächst die Debatten um die Karfreitagsfürbitte und die Pius-Bruderschaft für Irritationen. Doch bei seinen Besuchen in Israel, in der römischen Synagoge und in Deutschland hielt der Papst stets fest, dass Israel das „Volk des Bundes“ und sein Glaube Fundament des christlichen Glaubens sei und der Weg des Dialogs, der Brüderlichkeit und Freundschaft seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil unwiderruflich seien.

 

Eine aktuelle Herausforderung

 

Prof. Henrix’ Resümee ist positiv: „Nostra Aetate“ „stieß also eine Dynamik im Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk und Judentum an, welche so nicht zu erwarten war.“ Dies gelte auch für die christliche Theologie „im Angesicht des Judentums“. Und: „Die gewachsene ökumenische Kollegialität bietet die Chance, aufbrechende Kontroversen und Störungen in der Beziehung von Christentum und Judentum (…) zu thematisieren.“

Eine solche Kontroverse war im Jahr 2012 die öffentliche Diskussion über die Beschneidung in Deutschland. Die katholische Kirche ergriff für die Ausübung der Religionsfreiheit das Wort, wofür die jüdischen Gemeinden Deutschlands dankbar waren. Mittlerweile hat der Bundestag eine gesetzliche Regelung verabschiedet, mit der die religiös motivierte Beschneidung minderjähriger Jungen erlaubt bleibt. Die deutsche Gesellschaft freilich steht vor der Aufgabe, „Respekt für einander in einer multikulturellen Gesellschaft und besonders an der Einstellung zur Beschneidung zu arbeiten.“

Dies findet eine kirchliche Pointierung: Es gibt die Forderung nach der Wiedereinführung des Festes der Beschneidung Jesu am 1. Jänner als Zeichen der Hochachtung der jüdischen Identität Jesu: „Im Geheimnis der Beschneidung Jesu finde das „Verhältnis zwischen Altem und Neuem Bund … sein konkretestes Zeichen, in den Leib des Herrn eingeschrieben.“

 

Zur Person von Prof. Dr. h.c. Hans Hermann Henrix

 

geb. 1941, Studium der Wirtschaftswissenschaft und der Theologie in Frankfurt, Innsbruck und Münster, 1969-2005 an der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen als Dozent für Theologie und Ökumene und ab 1988 als Direktor. Der Schwerpunkt seiner theologischen Arbeit liegt im Bereich der Ökumene und hier besonders zu Fragen des Verhältnisses von Kirche und Christentum zum jüdischen Volk bzw. Judentum. Mitglied zahlreicher Gremien zum jüdisch-christlichen Dialog. Ehrendoktor der Universität Osnabrück, Honorarprofessor der Universität Salzburg, Vortragstätigkeit an Universitäten, Hochschulen und Akademien, Autor zahlreicher Bücher, vgl. http://www.henrixhh.de/de/biographie

 

Text: Univ.-Ass. Dr. theol.Michael Zugman / Institut für Bibelwissenschaften AT&NT an der KTU Linz; der Text ist auf www.dioezese-linz.at verfügbar.

 

Foto: Josef Wallner/Kirchenzeitung

http://lebenszeichen.dioezese-linz.at/
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